Grundschule Kasendorf

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Ein warmes Herz


Das Weihnachtsfest stand vor der Tür - Zeit für unsere russischen Waisenkinder, zum ersten Mal die Weihnachtsgeschichte zu hören. Wir erzählten ihnen, wie Maria und Josef nach Bethlehem kamen und in der Herberge kein Raum für sie da war, wie Jesus in einem Stall geboren und eine Futterkrippe gelegt wurde.
Während wir erzählten, hörten die Kinder und das Waisenhauspersonal beinahe atemlos zu. Einige waren auf die äusserste Stuhlkante gerutscht, damit ihnen ja kein Wort entging.

Nachdem wir mit der Geschichte fertig waren, gaben wir jedem Kind drei kleine Stücke Pappe, aus denen es eine einfache Krippe basteln sollte. Dazu erhielt es ein kleines, rechteckiges Stück von einer gelben Papierserviette, die ich mitgebracht hatte - in der ganzen Stadt war kein farbiges Papier zu bekommen. Nach unseren Anweisungen rissen die Kinder das Papier in schmale Streifen, die als Stroh in die Krippe gelegt wurden. Kleine, quadratische Flanellstücke aus einem alten Nachthemd, das eine Frau weggeworfen hatte, als sie Russland verliess, dienten als Decke für das Baby. Eine Babyfigur wurde aus hellbraunen Filz, den wir mitgebracht hatten, ausgeschnitten.

Die Waisenkinder waren eifrig damit beschäftigt, ihre Krippe zusammenzubauen, während ich von einem zum anderen ging und nachschaute, ob irgendjemand Hilfe brauchte. Alles ging gut, bis ich an den Tisch kam, wo der kleine Mischa sass. Er schien etwa sechs Jahre alt zu sein und war bereits mit seiner Arbeit fertig. Als ich mir seine Krippe ansah, war ich erstaunt nicht ein Baby, sondern zwei darin zu finden. Schnell rief ich die Übersetzerin herbei, um den Jungen nach dem Grund dafür zu fragen.

Der Kleine verschränkte seine Arme, betrachtete nachdenklich die Krippenszene vor sich und fing an, mit grossen Augen die Weihnachtsgeschichte nachzuerzählen. Für einen kleinen Jungen, der diese Geschichte zu allerersten Mal gehört hatte, berichtete er alles erstaunlich genau - bis er zu der Stelle kam, wo Maria das Jesuskind in die Krippe legt. Hier fing Mischa an zu improvisieren. Er beschloss die Geschichte auf seine eigene Weise, in dem er sagte: "Und als Maria das Baby in die Krippe legte, sah Jesus mich an und fragte, wo ich wohne. Ich erklärte ihm, dass ich keine Mama und auch keinen Papa habe und nirgendwo zu Hause bin. Da sagte Jesus, ich könnte bei ihm wohnen. Ich antwortete, das würde nicht gehen, weil ich doch kein Geschenk für ihn hätte wie die anderen alle. Aber ich wollte so gerne bei Jesus wohnen! Ich überlegte, ob ich nicht doch etwas hätte, was ich ihm schenken könnte. Mir fiel ein, ich könnte ihn ja vielleicht warm halten. So fragte ich Jesus: Wenn ich dich warm halte, genügt dir dies als Geschenk? Und Jesus erwiderte: Wenn du mich warm hältst, das ist das beste Geschenk, das mir ein Mensch je gegeben hat. Da bin ich zu ihm in die Krippe geschlüpft, und Jesus hat mich angeschaut und gesagt, ich dürfte bei ihm bleiben - für immer."
Als der Kleine seine Geschichte beendet hatte, schwammen seine Augen in Tränen, die ihm unaufhaltsam über seine Wangen liefen. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken, und seine Schultern zuckten krampfhaft von heftigen Schluchzen.

Dieser kleine Waisenjunge hatte jemand gefunden der ihn niemals verlassen oder misshandeln würde - jemand, der für immer bei ihm bleiben würde.

Nicht, was man im Leben hat, sondern wen man im Leben hat, zählt wirklich.

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